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Der Feldzug in Waziristan



Rund ein Viertel aller pakistanischen Soldaten sind Pashtunen, gehören also zu jener Volksgruppe auf beiden Seiten der Durand-Linie, — der pakistanisch-afghanischen Grenze — die das Gros der Taliban stellt.

Das Militär ist beauftragt, der Herrschaft der Taliban in der Grenzprovinz Waziristan ein Ende zu setzen. Das bedeutet Pashtunen im Einsatz gegen Pashtunen. Kann das denn klappen?

Es klappt offenbar. Nach Wochen von Scharműtzeln ist es dem Militär gelungen, das Islamische Emirat der Taliban in Sűd-Waziristan zu stűrzen. Doch die Kämpfer sind nur ausgewichen, in die Nachbarprovinz Nord-Waziristan. Mit ihnen ist vermutlich Al-Qaeda umgezogen.

Man muss sich die politische Struktur Waziristans wie eine Matrioschka-Puppe vorstellen. Ganz aussen regiert die Zentralregierung in Islamabad, vertreten durch einen Politischen Agenten. Dieser harmlos klingende Titel aus der Kolonialzeit soll den Stämmen vermitteln, dass der offizielle Gouverneur der Provinz nur eine Art Botschafter sei.

Hinter der äusseren Schale verbirgt sich die eigentliche Regierung, nämlich das Islamische Emirat, das die beiden Teilprovinzen Sűd- und Nord-Waziristan wie einen autonomen Staat leitet, mit eigenen Gesetzen und Sharia-Rechtsprechung. Nominell sind die Stammesältesten und Adligen, die Maliks, die Herren. In Wirklichkeit aber wurden die Maliks in den letzten Jahren von den Taliban weitgehend entmachtet, die zweihundert der traditionellen Herrscher ermordet haben sollen.

Bei den Verhandlungen zu dem umstrittenen Friedensvertrag von 2006 zwischen den Stämmen und der Zentralregierung unter Pervez Musharraf zeigte sich, dass dies in Wirklichkeit ein Abkommen zwischen Islamabad und Mullah Omar war, dem einäugigen Fűhrer der afghanischen Taliban, dessen Gefolgsleuten es gelang, die Stammesfűhrer zur Annahme des Vertrags zu űberreden oder zu zwingen. Man kann also annehmen, dass hinter der traditionellen Stammesherrschaft in Waziristan in Wirklichkeit die Taliban stecken. In ihrem Emirat existiert aber auch Al-Qaeda und herrscht űber eine eigene Enklave bevölkert von Ausländern, in der nur sie das Sagen hat und Kritiker drakonisch bestraft, wie Einheimische berichten.

Waziristan ist unter allen Grenzprovinzen im wilden Norden Pakistans vielleicht die wildeste. Die Stämme in diesem gebirgigen Gebiet von zwei Dritteln der Grösse Schleswig-Holsteins mit nur 800,000 Einwohnern und einer achtzig Kilometer langen Grenze zu Afghanistan, haben seinerzeit die britische Kolonialherrschaft in Indien nie anerkannt. Als sie am Ende der Kolonialzeit Pakistan zugeschlagen wurden, fűhlten sie sich erneut nicht zugehörig. Obwohl die Mehrheit der rund 22 Millionen Pashtunen in Pakistan sich inzwischen mit diesem Staat angefreundet haben, in dem sie eine wichtige Rolle spielen, blieben die Stämme Waziristans und weiterer sechs Stammesgebiete entlang der Grenze ungebeugt. Jeden Versuch der Zentralregierung, ihre Autorität zu etablieren, wiesen die gefűrchteten Stammeskrieger bisher blutig ab.

Kein Wunder, dass Mullah Omar und Al-Qaeda hierher flűchteten, als sie von den Alliierten aus Afghanistan vertrieben wurden. Kein Wunder auch, dass Washington Islamabad energisch auffordert, Waziristan zu erobern. Erst die jetzige Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari brachte es tatsächlich fertig, die Sűdhälfte Waziristans unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie scheint dabei einige lokale Unterstűtzung genossen zu haben, denn viele Waziris klagen űber das Einströmen hunderter bewaffneter Ausländer — Usbeken, Araber und Afghanen — űber die Grenze. Auch haben sich die lokalen Taliban, die ursprűnglich als harmlos angesehen wurden, durch ihre Morde und ihre drakonischen Qazi-Schnellgerichte unbeliebt gemacht.

Unter massivem Druck der Amerikaner trifft die pakistanische Regierung nun Vorbereitungen, auch in die Nordprovinz Waziristans einzudringen. Sollte es dem pakistanischen Militär tatsächlich gelingen, Mullah Omar, Al-Qaeda und die geschätzten 30.000 bis 35.000 Taliban gegen die afghanische Grenze zu drűcken, wäre es Aufgabe der NATO, sie auf der anderen Seite in Empfang zu nehmen.

Soweit die Theorie. In der Praxis weichen die Taliban dem Feind aus wie Wasser, wenn man einen Stein hineinwirft. Neben Waziristan liegen weitere pakistanische Stammesgebiete, die der Zuflucht bieten und auch von Pashtunen besiedelt sind. Die bisher so erfolgreiche Strategie der Taliban ist es, dem Feind zunächst in die Berge auszuweichen und ihn dann mit tausend Nadelstich-Attacken zu erműden und letztlich zum Rűckzug zu zwingen. Es wird sich zeigen, ob Pakistans Truppen dieser Strategie lange genug widerstehen können, um die Herrschaft der Zentralregierung auf Dauer zu etablieren. Bisher war das nie möglich.

Diesmal ist die Lage freilich anders als frűher. In Washington hat ein diskreter, sorgfältig verschleierter, Strategiewechsel stattgefunden. Afghanistan geniesst bei Präsident Obama nicht mehr die höchste Priorität. Der jetzige Krieg soll so ehrenvoll wie möglich abgewickelt und das Land den Afghanen zurűckgegeben werden, egal welchen.

Warum dann die Aufstockung der amerikanischen Truppen um weitere 30-40.000 Mann? Weil der NATO-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal im Helmand-Flusstal erleben musste, wie die zunächst von 4000 Marine-Luftlandetruppen vertriebenen Quetta Shura Taliban (QST) zurűckkehrten und mit strategisch gut geplanten Kleinangriffen den insgeamt 21.000 amerikanischen Truppen so zusetzten, dass McChrystal das Gespenst der militärischen Niederlage erkennen musste.

Die Aufstockung des US-Kontingents dient also nicht dem Zweck, den Krieg zu gewinnen, sondern dazu, eine schmähliche Niederlage binnen Jahresfrist zu verhindern. Vielleicht wird man Helmand später das afghanische Stalingrad nennen, den Wendepunkt des Krieges. Helmand ist das Zentrum der Opiumproduktion und deshalb stark umkämpft. Britische Soldaten, zu deren Zone Helmand eigentlich gehört, töteten dort in jahrelangen Kämpfen so viele Taliban, dass sie von "Rasen mähen" sprachen, doch immer wieder standen neue Militante auf und bezeugten, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen ist.

Wichtiger als Afghanistan ist jedoch das grosse Pakistan, in dem sich Osama bin Laden und Mullah Omar samt ihren Getreuen nach űbereinstimmender Meinung aufhalten. Washingtons Absicht ist gezwungenermassen nicht mehr die Demokratisierung und Entwicklung Afghanistans, sondern die Beendigung eines sinnlos gewordenen Krieges und die Rűckkehr zum ursprűnglichen Ziel, nämlich bin Laden, Mullah Omar und andere Missetäter zu vernichten.

Zu diesem Zweck braucht man kein Land von der Grösse Afghanistans zu beherrschen: es reicht, dafűr zu sorgen, dass Mullah Omar und Konsorten nicht mehr dorthin zurűckkehren können. Die Entscheidung darűber fällt im kleinen Waziristan, nicht im grossen Afghanistan. Es ist klar, dass die pakistanische Regierung in ihrem Feldzug in Waziristan die volle militärische Unterstűtzung Amerikas geniesst, soweit sie möglich ist, ohne dass alliierte Soldaten pakistanischen Boden betreten.

Wie umfassend diesmal die amerikanische Unterstűtzung ist, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass Pakistan erstmals ein AWACS-Aufklärungsflugzeug erhalten hat, ein erstaunlicher Vertrauensbeweis Washingtons. Pakistanische Truppen sind auch in das Stammesgebiet Orakzai sűdlich von Peshawar eingerűckt, um den möglichen Rűckzug des Gegners dorthin zu verhindern. Gleichzeitig hat die Zentralregierung die föderalen Verwaltungsstrukturen in der Provinz Baluchistan ausser Kraft gesetzt und per Dekret durch eine zentralisierte Struktur ersetzt. Das ist ein erster Schritt, um die Macht der in der Provinzhauptstadt Quetta bislang ungestört residierenden Talibangruppen — unter ihnen möglicherweise Mullah Omar — zu brechen.

Während in Pakistan derzeit hoffentlich Entscheidungen fallen, muten die Probleme der Deutschen in Nordafghanistan und die Diskussion űber die Aufstockung des Truppenkontingents eher marginal an.

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—— Benedikt Brenner